Jean Paul ... (1763 - 1825)
...ist heute fast vergessen. Dabei ist er von einer sprachgewalt und originalität, die man selten trifft. Eigenartigerweise hat so ein sprachkauz wie Arno Schmidt sich seiner dankbar erinnert. Da hat  Jean Paul doch tatsächlich einem roman den titel "Siebenkäs" gegeben. Da rümpft doch der philister die nase. Konnte er denn keinen schöneren titel finden?- Eine grosse stelle in diesem roman, getarnt als "Erstes Blütenstück" ist die

Rede des toten Christus vom weltgebäude herab, dass kein Gott sei
(zit. nach: Jean Paul, Sämtliche Werke,Abt.1,Bd.2, Hrsg. N.Miller, 2001-Lizensausgabe der Hanser.Ausgabe von 1959, S.  272)

"Ich lag einmal an einem sommerabende vor der sonne auf einem berge und entschlief. Da träumte mir, ich erwachte auf einem gottesacker. Die abrollenden räder der turmuhr, die elf schlug, hatten mich geweckt. Ich suchte im ausgeleerten nachthimmel die sonne, weil ich glaubte, eine sonnenfinsternis verhülle sie mit dem mond. Alle gräber waren aufgetan und die eisernen türen des gebeinhauses gingen unter unsichtbaren händen auf und zu. An den mauern flogen schatten, die niemand warf, und andere schatten gingen aufrecht in der bloßen luft. In den offenen särgen schlief nichts mehr als die kinder. Am himmel hing in großen falten bloß ein grauer, schwüler nebel, den ein riesenschatte wie ein netz immer näher, enger und heißer hereinzog. Über mir hörte ich den fernen fall der lawinen, unter mir den ersten tritt eines unermesslichen erdbebens. ....

....Jetzo sank eine hohe edle Gestalt mit einem unvergänglichen Schmerz aus der Höhe auf den Altar hernieder, und alle Toten riefen: »Christus! ist kein Gott?«
Er antwortete: »Es ist keiner.«
Der ganze Schatten jedes Toten erbebte, nicht bloß die Brust allein, und einer um den andern wurde durch das Zittern zertrennt.
Christus fuhr fort: »Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den
Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, soweit das Sein seine Schatten wirft, und schauete in den Abgrund und rief:
›Vater, wo bist du?‹ Aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert, und der schimmernde Regenbogen aus Wesen stand ohne eine Sonne, die ihn schuf, über dem Abgrunde und tropfte hinunter. Und als ich aufblickte zur unermeßlichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren bodenlosen Augenhöhle an; und die Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es und wiederkäuete sich. - Schreiet fort, Mißtöne, zerschreiet die Schatten; denn Er ist nicht!«
Genial der Schluss, der alles dialektisch wieder aufhebt.

 ...als ich erwachte.

Meine Seele weinte vor Freude, dass sie wieder Gott anbeten konnte - und die Freude und das Weinen und der Glaube an ihn waren das Gebet. Und als ich aufstand, glimmte die Sonne tief hinter
den vollen purpurnen Kornähren und warf friedlich den Widerschein ihres Abendrotes dem kleinen Monde zu, der ohne eine Aurora im Morgen aufstieg; und zwischen dem Himmel und der Erde streckte eine frohe vergängliche Welt ihre kurzen Flügel aus und lebte, wie ich, vor dem unendlichen Vater; und von der ganzen Natur um mich flossen friedliche Töne aus, wie von fernen Abendglocken.