Jean Carrière... (1928-2005)

"Der erste große schnee des jahres fiel gegen ende november. Früh riss er das hochland und nahezu den ganzen süden in einen winter ohnegleichen. Der unerhörte druck der stille verstopfte das blut tief in den ohren, aus den abgelegenen weilern und einzelgehöften drang kein geräusch mehr nach außen; nordlichter drückten gegen die rauhreifglänzenden fenster, die nächte, flüchtig wie äther, ließen kaum luft zum atmen... Und langsam verrannen die stunden in den unter schnee begrabenen innenhöfen, wo kein vogel mehr umherhüpfte."

Das ist der anfang des romans, der fasziniert wegen seiner gewaltigen naturbeschreibungen, -ein fast mystischer naturalismus- , der zwar in der gegenwart spielt, aber diese gegenwart nur als flüchtige momente im großen, zeitlosen drama der natur aufblitzen lässt. Und der mensch ist nur teil dieser natur.

  unbedingt auch zu lesen: "Reise mit dem Esel durch die Cevennen", von Robert Louis Stevenson, Diederichs-Verlag, o.A.

 

   

Grandios die sterbeszene des alten Reilhan nachts draußen auf dem feld.

"Die nacht, mit blauem staub gepudert, atmete wie ein fast unbewegtes meer. Ihr lauer atem, der den duft der pflanzengewürzten erde in sich trug, berührte sein gesicht mit ruhiger, mütterlicher zärtlichkeit. Wo der mond den himmel nicht erhellte, blinkten die sterne, die hier und da aufleuchteten wie die lichter einer stadt, wenn die dunkelheit hereinbricht.
Vor ihm entfaltete das stoppelfeld seine weite, ansteigende fläche, ließ unwiderruflich an aufbruch denken, an die möglichkeit, die erde  für eine reise  ohne ende zu verlassen - für jene riesige, pulsierende stadt jenseits der jahrhunderte. Warten, an diesem ort, für immer, aber auf was? Vielleicht auf den aufbruch, der zu diesem langgezogenen rückgrat erstarrt war, das wie geschaffen schien, etwas aufzunehmen oder von sich zu stoßen, gleich der gespannten erstarrung einer rampe oder eine sprungbrettes.

Langsam ließ das tiefe pfeifen in seinen ohren nach. Seitdem er auf dem boden saß, erschienen ihm seine gedanken klarer und leichter, wie befreit von einer bedrückenden last. Sie streiften ihn kaum und ließen ihn seltsam unbeschwert. Es waren auch erinnerungen aus der jüngsten vergangenheit darunter, doch sobald er sie zu fassen versuchte, verflüchtigten sie sich wie vom wind fortgetragenen blütenblätter. Andere gesichter waren ausgelöscht worden, wie das Josephs kurz vorher: es war unmöglich, sie wiedererstehen zu lassen. Alles, was er in den letzten jahren, bis heute, erlebt hatte, erschien ihm fern, verschwommen, ungeheuer unwirklich. Was für ein langer weg! Er hatte das gefühl, die seinen vor einer ewigkeit verlassen zu haben. Schon waren sie fremde geworden. Sie hatten sich eingereiht in die lange reihe der gesichter, die er im laufe seines lebens einmal kurz erblickt hatte und über denen sich nun unterschiedslos das trübe wasser der erinnerung schloss. Al wären sie tot vor langer zeit. Jetzt berührte er den grund des meeres. Er war an sein ziel gelangt. Es gab nichts und niemanden mehr zu erwarten. Die weite, sich hoch über ihm öffnende ,so gastfreundliche nacht, der ruhige mond, dessen graue flecken ein gesicht bildeten, das traurig auf die erde blickte, die phosohoreszierenden weiten, die weißen steine wurden zum unwandelbaren dekor seines lebens, als hätte er diesen ort niemals verlassen. ..."

"... Das verlangen, es wiederzufinden (=das paradis) packte ihn mit solcher heftigkeit. dass seine letzten kräfte ihn in die höhe fahren ließen, als wollte er sich diesem versinken des körpers  und des bewußtseins entreißen. Eine augenblick zogen wie im rausch bilder einer grausamen schönheit in rascher folge an ihm vorbei. Der violette wind des augustabends trieb die qualvoll köstlichen düfte der erde in sein gesicht. Sie sind da, sie sind immer noch da, sagte er sich. Auch die uralte sonne war da, mit ihren goldenen peitschen, die bittere frische des unter der nase zerriebenen lavendels. Die verbindung, die geheimnisvolle und unbegreifliche verbindung  mit all diesen dingen. Das war es also, was er hier gesucht hatte. Es war sein erster lebenstag, und mir friedlicher genügsamkeit rollte er sich wieder in ihm zusammen, um sich im embryonalen dämmerschlaf zu verlieren. ...

Langsam fiel er zur seite, ein auge geschlossen, das andere weit aufgerissen. Ein schwarzer strahl floss aus seiner nase und glänzte im mondlicht. Sein mund schnappte noch ein wenig nach luft, öffnete und schloss sich wie das maul eines frosches an der oberfläche eines teichs, wenn ein gewitter heraufzieht.

zurück zur inhaltsseite